Neuwert oder Wiederbeschaffungswert versichern

Viele Versicherer bewerben ihre Voll- und Teilkaskoversicherung damit, dass sie für zwei oder drei Jahre nach dem Kauf den Neupreis oder Kaufpreis eines Autos entschädigen. Nach Standardbedingungen gibt es nur den Zeitwert (Wiederbeschaffungswert). Neuwert oder Wiederbeschaffungswert versichern – was ist sinnvoll? Und was ist überhaupt der Unterschied? Ein Blick in die Versicherungsbedingungen schafft Klarheit.

Voraussetzungen für die Neuwertentschädigung

Grundsätzlich besteht nach einem Kaskoschaden Anspruch auf Ersatz der Reparaturkosten, gegebenenfalls nach Abzug einer vereinbarten Selbstbeteiligung. Dieser Anspruch ist aber begrenzt auf den Zeitwert oder Wiederbeschaffungswert des Fahrzeugs am Schadentag. Wird dieser überschritten, spricht man von einem wirtschaftlichen Totalschaden. Damit die Vereinbarung einer Neupreis- oder Kaufpreisentschädigung greift, muss je nach Bedingungen des Versicherers ein Totalschaden oder zumindest ein sehr hoher Schaden vorliegen, zum Beispiel 70 % oder 80 % des Zeitwerts. Ein Diebstahl des Fahrzeugs steht dem Totalschaden gleich.<

Neben der Schadenhöhe regeln die Versicherungsbedingungen noch andere Punkte, die darüber entscheiden, ob Neuwert oder Wiederbeschaffungswert zu versichern ist. Üblich sind folgende Vereinbarungen:

  • Erstzulassung bzw. Kaufdatum: Die Neuwertentschädigung wird nur bis zu einem bestimmten Alter des Autos gewährt. Bei Neuwagen sind das meist zwei, in hochwertigen Verträgen sogar drei Jahre ab Erstzulassung. Die Kaufpreisentschädigung für Gebrauchtwagen gibt es bis zu drei Jahre ab Kaufdatum, wobei der volle Umfang von drei Jahren nur für “junge Gebrauchte” (Jahreswagen oder neuer) gewährt wird.

  • Eigentümer oder Fahrzeughalter: Für den Anspruch auf Neupreisentschädigung muss das Fahrzeug zum Schadentag beim ersten Eigentümer sein. Manche Versicherer nehmen auch auf den Fahrzeughalter Bezug, also denjenigen, der in der Zulassungsbescheinigung Teil II (Fahrzeugbrief) eingetragen ist.

  • Wiederherstellungsklausel: Die Zahlung der Entschädigung, die über den Wiederbeschaffungswert hinausgeht, kann vom Nachweis der Reparatur oder Anschaffung eines anderen Autos abhängig gemacht werden. Damit wird verhindert, dass der Kunde durch den Schadenfall finanziell bessergestellt wird.

Besonderheiten beim Leasingfahrzeug

Ob die Neupreisentschädigung auch für Leasingfahrzeuge gilt, ist rechtlich umstritten. Alternativ bietet sich hier die GAP-Deckung an. Gap ist das englische Wort für Lücke, steht aber auch als Abkürzung für Guaranteed Asset Protection (garantierter Vermögensschutz). Aus der GAP-Deckung wird der Unterschiedsbetrag zwischen dem niedrigeren Zeitwert und dem höheren Restwert laut Leasingvertrag entschädigt.

Haftpflichtversicherung bleibt außen vor

Die Versicherung von Neuwert oder Kaufpreis statt des Wiederbeschaffungswerts lohnt sich vor allem für Käufer von Neuwagen und neuwertigen Gebrauchtfahrzeugen. Da der Wertverlust unmittelbar nach dem Kauf besonders groß ist, reicht die Standard-Entschädigung in der Regel nicht aus, um ein gleichwertiges Auto zu kaufen. Wer die Differenz nicht aus eigener Tasche zahlen will oder kann, profitiert vom Neuwertersatz. Ob das Auto bar bezahlt oder mit einem Kredit finanziert ist, spielt keine Rolle. Bei Leasingverträgen ist eine GAP-Deckung dagegen besser als die Neuwertklausel.

In der Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung gibt es keine Wahlmöglichkeit, ob der Kunde Neuwert oder Wiederbeschaffungswert versichern möchte. Sie orientiert sich stets an den gesetzlichen Schadensersatzansprüchen. Danach wird in aller Regel maximal der Wiederbeschaffungswert ersetzt. Ausnahmen sehen die Gerichte nur bei Autos, die nur wenige Wochen alt und noch nicht viele Kilometer gelaufen sind. Außerdem darf nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs ein Auto auch dann repariert werden, wenn die Reparaturkosten den Wiederbeschaffungswert um bis zu 30 % übersteigen.